Fachklinik Prinzregent Luitpold

Aus der Klinik

14.07.2016

Sie unterrichtet Menschen, nicht Fächer

Ursula Schmidt von der St. Gallus Schule Scheidegg verabschiedet

 

Scheidegg (kjf)
„Eine Lehrerpersönlichkeit ganz besonderer Prägung", so Markus Mayer, Vorstandsvorsitzender der Katholischen Jugendfürsorge Augsburg (KJF), räumt in diesen Tagen ihren Arbeitsplatz an der Fachklinik Prinzregent Luitpold in Scheidegg: Ursula Schmidt, Leiterin der zur Klinik gehörenden St. Gallus-Schule.

14 Jahre lang war sie Rektorin der Schule und hat aus der Ersatzbeschulung der Kinder und Jugendlichen während der Therapie einen wichtigen Bestandteil der Rehabilitation gemacht. „Die Schule orientiert sich heute an den Störungsbildern und Diagnosen der Kinder und arbeitet eng mit den Medizinern und Therapeuten zusammen", so Schmidt. In der Fachklinik werden Kinder mit psychosomatischen Störungen, Diabetes, ADHS, Adipositas, Asthma und anderen Allergiekrankheiten therapiert und flankierend in der St. Gallus Schule unterrichtet. Unter dem Motto „Schule für Kranke im Wandel der Zeit" fand eine Abschiedsfeier mit zahlreichen Festrednern statt. KJF-Vorstandsvorsitzender Markus Mayer lobte die Pädagogin, die 39 Jahre bei der KJF tätig war, als eine Lehrerin aus Berufung, die die Schule maßgeblich geprägt, gestaltet und weiterentwickelt habe. Auch der Umzug in den Neubau im Ostflügel der Klinik sei ihr Verdienst gewesen.

Wolfgang Luther, Leiter der Abteilung schulische Bildung bei der KJF, betonte, die heutige Verzahnung von medizinischer, therapeutischer und pädagogischer Arbeit sei vorwiegend das Werk von Ursula Schmidt. Timm Hasselmeyer von der Regierung von Schwaben hob hervor, dass der positive Einfluss der pädagogischen Betreuung auf den medizinischen Erfolg der Reha-Maßnahmen inzwischen anerkannt sei. „Was Sie geschaffen haben, wird weiter existieren", versprach auch Chefarzt Dr. Thomas Hermann. Per Videobotschaft verabschiedeten sich auch zahlreiche kleine und jugendliche Patienten der Klinik von der engagierten Schulleiterin, die nach eigenen Worten mit „zwei weinenden Augen" in den Ruhestand geht.

Im Interview: Ursula Schmidt, die scheidende Schulleiterin der St. Gallus Schule an der Klinik Prinzregent Luitpold in Scheidegg

Seit 14 Jahren leiten Sie die St. Gallus Schule in Scheidegg, in der die Patienten der Fachklinik Prinzregent Luitpold unterrichtet werden. Was sind dabei die besonderen Herausforderungen?

Ursula Schmidt: Es ist nicht ganz einfach, eine so heterogene „Schülerschar" zu unterrichten. In der Klinik sind Kinder und Jugendliche aus dem gesamtdeutschen und österreichischen Raum. Sie kommen aus völlig unterschiedlichen Schulen mit unterschiedlichen Lehrplänen. Auch hat jedes Kind und jeder Jugendliche ein anderes Störungsbild. Hier sind Patienten mit ADHS, psychosomatischen Erkrankungen, Adipositas, Diabetes oder Asthma-Erkrankungen. Unser Auftrag ist es zum einen, dass die Schüler während ihres Aufenthaltes in Scheidegg nicht zu viel vom Lernstoff zuhause verpassen. Unsere Aufgabe ist es aber auch, eng verzahnt mit den Therapeuten und Ärzten zu arbeiten und bei jedem Kind dort anzusetzen, wo es „klemmt". Wir versuchen, den Kindern Lern- und Strukturhilfen an die Hand zu geben, frei nach dem Motto: „Das, was du brauchst, um es selbst zu tun".

Wie viele Lehrkräfte arbeiten in der St. Gallus Schule und wie ist der Betreuungsschlüssel?

Ursula Schmidt: Wir sind, zusammen mit mir, sechs Lehrkräfte und eine Heilpädagogin. Im Schnitt sind 100 bis 115 Kinder hier, aufgeteilt in zehn Klassen. Jeder meiner Kollegen betreut zwei Lerngruppen. Die Lehrkräfte sind vorwiegend Sonderschullehrer. Wir haben gemeinsam mit den Fachbereichen der Klinik einen „Störungsbilderkatalog" entwickelt, der jedem Lehrer dabei hilft, mit den Krankheiten der Kinder bestmöglich umzugehen. Er muss die Symptome der jeweiligen Krankheit kennen. Zum Beispiel, wenn ein Diabetiker während des Unterrichts mehr und mehr abschaltet, dann hat das nicht unbedingt mit Desinteresse oder Faulheit zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit dem Symptom Unterzucker. Oder ein ADHS-Kind, das bei Überforderung ausflippt. Der Lehrer muss wissen, dass Bewegung eine gute Möglichkeit ist, die Situation zu entspannen. Diesen Störungsbilderkatalog stellen wir auch gerne anderen Schulen zur Verfügung. Wenn man davon ausgeht, dass etwa 20 Prozent aller Schulkinder unter einer chronischen Krankheit leiden, bedeutet das, dass in jeder „normalen Klasse" mindestens eines oder sogar mehrere Kinder betroffen sind.

Sie sprechen immer wieder von der Schule als Therapiebaustein. Wie ist das gemeint?

Ursula Schmidt: Wir unterrichten Menschen, nicht Fächer. Wir versuchen, Schlüsselqualifikationen wie Selbstorganisation, Konzentration und Wahrnehmung zu stärken, Erfolgserlebnisse zu schaffen. Viele unserer Patienten kommen mit einer starken Misserfolgsorientierung. Unser Ziel ist es, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen und Selbstständigkeit zu fördern und den Kindern auch im schulischen Bereich ein Leben mit ihrer Krankheit zu ermöglichen.

Trotzdem sollte doch auch, dem jeweiligen Lehrplan entsprechend, „Stoff" vermittelt werden. Wie funktioniert das bei einer so großen und gemischten Gruppe?

Ursula Schmidt: Der Lernstoff wird schon vor dem Reha-Beginn an der Heimatschule abgefragt und während des Klinikaufenthalts vermittelt. Oder, soweit möglich, selbst erarbeitet. Die Schüler haben eine Kernunterrichtszeit von zehn Wochenstunden. Darüber hinaus gibt es Zusatzstunden, zum Beispiel für Fremdsprachen oder für Förderung in den Kernfächern.

Gehen Sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge in den Ruhestand?

Schmidt: Eher mit zwei weinenden Augen. Ich habe meinen Beruf und ganz speziell die Arbeit hier mit den „beeinträchtigten" Kindern immer geliebt.

 

Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e.V. (KJF)
Die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg e.V. (KJF) wurde 1911 gegründet. Sie ist ein Gesundheits- und Sozialdienstleister mit rund 80 Einrichtungen und Diensten im Gebiet zwischen Lindau, Neu-Ulm, Nördlingen, Aichach und Murnau. Dazu gehören unter anderem Angebote der Medizin mit mehreren Kliniken, der Berufsbildung für behinderte und nicht behinderte Jugendliche und Erwachsene mit Berufsbildungswerken und Vermittlungsdiensten, der Kinder- und Jugendhilfe mit Wohngruppen, Tagesstätten, Beratungsstellen und mobilen Diensten sowie mehrere Schulen.
Die rund 4.000 Beschäftigten des Verbandes helfen im Jahr 80.000 Kindern, Jugendlichen und Familien bei Schwierigkeiten und Fragen. Vorstandsvorsitzender der KJF ist Markus Mayer, Vorsitzender des Aufsichtsrates ist Domkapitular Armin Zürn.

Weitere Informationen zur KJF finden Sie unter www.kjf-augsburg.de.

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